der große mörder ist ein großer kasper…

alles was er totschlägt lebt lustig weiter

Àgnes Hamvas &  Johannes Hoffmann

Opening 03.11.2022 5 – 8 pm
Duration 04.11.- 26.11.2022

der fall wagner.
 in der nacht vom 3. zum 4. september 1913 ermordet der hauptlehrer ernst august wagner in seiner wohnung in stuttgart-degerloch seine frau anna wagner und seine vier kinder klara, elsa, robert und richard wagner. am morgen des 4. september versendet er per post mehrere (abschieds)briefe an verwandte, freunde, seinen rektor, die rentenanstalt in stuttgart, sowie seine über 4 jahre verfasste autobiografie an die zeitungs- redaktion des „neuen tagblatts“. gegen abend fährt er in das dörfliche mühlhausen a.d. enz, wo er von 1901 bis 1902 lehrer war, zündet mehrere häuser an und erschießt acht männer und ein mädchen. noch in der nacht seiner überwältigung durch einwohner:innen mühlhausens schildert wagner unumwunden seine pläne – er wollte seine gesamte familie ausrotten, alle männer in mühlhausen töten, das schloss zu ludwigsburg an- zünden und schlussendlich in den flammen im bett der herzogin verbrennen.
wagner wird im folgenden gerichtsprozess für unzurechnungsfähig erklärt und in eine heil- und pflegeanstalt eingewiesen, in der er 1938 stirbt. sein gehirn wird entnommen, konserviert und erst in den 1990er jahren in einem medizinischen archiv wiederentdeckt. in einer wissenschaftlichen arbeit wird es mit den konservierten gehirnen von ulrike meinhoff und charles whitman verglichen.
der breiten öffentlichkeit heute ist der fall von 1913 nicht mehr bekannt, in der forensischen psychiatrie und den medizinischen rechtswissenschaften ist er aber immer noch ein überaus wichtiger wissenschaftlicher referenzfall.

der text. 
aus einer 10-jährigen auseinandersetzung mit dem stoff ist eine experimentelle textcollage entstanden, in der johannes hoffmann den fall zum ausgangspunkt nimmt, aber darüber hinaus den rechercheweg und die eigene person mehr und mehr in den mittelpunkt gerückt hat. das textmaterial setzt sich aus fragmentarisch arrangierten originaldokumenten (gutachten, gerichtsprotokollen über e. a. wagner), tagebucheinträgen und transkribierten interviews mit dorfbewohner:innen aus mühlhausen a. d. enz zusammen. gesellschaftliche diskurse über schuld, unschuld, krankheit, wahn und verbrechen werden mit der eigenen künstlerische position verflochten und überlagert.

die installation. 
in einer kollaborativen arbeit/konstellation mit der künstlerin àgnes hamvas wird diese textcollage in einen multimedialen raum übersetzt. die 2-dimensionalität des textes wird aufgebrochen, die besucher:innen be- treten den raum und dringen damit in die struktur des textes vor. sie werden teil des gewebes der arbeit und hinterlassen spuren. via radios werden die texte, ebenfalls überlagernd, ausgestrahlt. fokussierung auf eine geschichte gelingt nur, wenn die betrachter:in das ohr an das radio hält. die grundstimmung ist ein überlappendes gelaber, das gesellschaftliche rauschen. details können erst bei intensiver betrachtung extrahiert werden.

Johannes Hoffmann