(Des)Orientierung *

Anderwald & Grond, Hoiss, Neunteufel

Kuratiert von Hubert Hasler

 

„Das Ding, dessen Natur dir völlig unbekannt ist, ist normalerweise das, was du finden musst, und es zu finden, ist eine Frage des Verloren-Gehens“[1]
Woran orientieren wir uns? Was gibt uns Halt, wenn der Boden unter unseren Füßen nachzugeben scheint oder wenn die Welt Kopf steht?*

 

(Des)Orientierung

Der Begriff Orientierung ist so vielfältig, dass er ohne inhaltlichen Zusammenhang richtungslos im leeren Raum schwebt. Erst im Kontext gewinnt er an Bedeutung und verweist beispielsweise auf eine Himmelsrichtung, ein Geschlecht oder schlicht auf oben und unten. Weiß man sich im Leben mal nicht zu orientieren, ist dies gesellschaftlich negativ konotiert. Dabei ermöglicht genau die Wechselwirkung von Orientierung und Desorientierung eine Weiterentwicklung. Die Phase der Desorientierung bildet einen Möglichkeitsraum, in dem Altes in Frage gestellt und Neues entstehen kann.

Ins Unbekannte blicken
Die mythologische Figur des Atlas wurde ans Ende der Erde geschickt und hatte die beschwerliche Aufgabe den Himmel zu stemmen, damit dieser nicht wieder auf die Erde fällt. Er bildete den Übergang, die Achse, zwischen Himmel und Erde. Neben dieser tragenden Rolle hatte er die Möglichkeit ins Unbekannte zu blicken, damit Neues zu imaginieren oder Vorhandenes zu imitieren. Anderwald + Grond haben ihre ProtagonistInnen eingeladen, sich am – für sie subjektiv wählbaren – Ende der Welt zu positionieren. Mit ihrer Serie „Atlanten“ schafft das Künstlerduo visuelle Bilder eines reziproken Systems zwischen Weltwahrnehmung und Welterschaffung.

„Man sieht das Land vor lauter Häuser nicht“ nennt Peter Hoiss die magnethaft anmutende Installation. Bald hat man vielleicht verstanden, dass die Periskope an der Nord-Süd-Achse ausgerichtet sind. Bald ist man zugleich einer zweifachen Orientierung erlegen, da der Blick innerhalb der Sehröhren umgelenkt wird. Ein Kompass würde hier auch nichts helfen. Die (Des)Illusionierung wird bei der räumlichen Arbeit zur (Des)Orientierung.

Real Realität
Um sich zu orientieren braucht es Klarheit. Um Klarheit zu bekommen, erscheint eine Messung geeignetes Instrument zu sein, am besten mit naturwissenschaftlichen Methoden. Die Versuchsreihe von Gerburg Neunteufl Pipina Schickaneder besteht aus Grautönen, einzeln belichtet, die Belichtungszeiten sind auf dem jeweiligen Fotopapier ablesbar. Alles fein abgestimmt kommt die Psychophysik zum Vorschein: nicht alle Graustufen sind für unser Auge unterscheidbar! Die Irritation des Auges wird in den Fotogrammen weitergeführt. Wir verlieren den Fokus und tauchen ein in eine graue Dimension, in der wir im Spiel der Geometrie und Farbmetrik sind.

„Bis in den letzten Schmutz gehen“ beschreibt die Musikerin Molly McDolan die Bewegung in vorwiegend unreinen Tönen. Mit ihrer Kollegin Ana Inés Feola spielt sie das von Pia Palme komponierte Stück „Name“, in dem saubere und „falsche“ Intervalle herausgearbeitet werden, um unterschiedlichen Klangwelten Raum zu geben. Ephemere Übergänge zwischen Komposition und Improvisation verstärken die akustische Wahrnehmung der barocken Instrumente. Die Jagdoboe, ein Instrument, das entgegen seines Namens nur in der Kirche verwendet wurde, ertönt nun im Kunstraum. Ein auditiver Möglichkeitsraum öffnet sich.

Michaela Obermair