In The Neighbourhood by Matthias Bade

Wiederentdeckung des realen Raums von Simon Pühler

Kulturwissenschaftler, Berlin


Matthias Bades Bilderzyklus ist ein nächtlicher Streifzug durch den urbanen
Raum. In der Umgebung seines Wohnortes in Berlin-Charlottenburg entdeckt
er Hausansichten – Eingangsportale, Fenster und Balkone, die er fotografisch festhält und in kontemplative Stillleben verwandelt. Aus funktionalen Wohn- und Zweckbauten (meist aus den 1950er und 60er Jahren), die in ihrer nüchternen Erscheinung im Straßenbild sonst kaum auffallen, werden magisch leuchtende, geheimnisvolle wie unheimliche Objekte, die sich durch Kontrast und Isolation auszeichnen. Wer oder was verbirgt sich hinter diesen inszenierten Raumhüllen, die wie monumentale Masken wirken und in ihrer statisch-trägen Präsenz den Betrachterblick bannen?

Wo die Frage nach dem Subjekt dieser Architekturen, nach dem Innenleben,
offen bleibt, stechen geschlossene Oberflächenstrukturen umso deutlicher
hervor. Es scheint, als ob dieser urbane Raum den Menschen verdrängt, ihn
von seiner natürlichen Umgebung abgeschnitten habe und unsichtbar mache.
Steht die robuste Physis der Architektur hier für abwesenden Körper der
Stadtbewohner, der jedoch in den Physiognomien der Hausfassaden wieder zum
Vorschein kommt? – Diese Gesichter aus Stein und Beton zoomt der Künstler
heran, sein ‚tastender’ Blick erkundet sie in ihrer Materialität und Fremdheit.
Fetischistische Neugier bzw. voyeuristische Begierden werden dabei geweckt.
Ute Ziegler und Ingrid Buschmann liefern eine Raumdefinition, die für Matthias Bades Bildkonstruktionen bedeutsam ist:

„Der reale physische Raum ist auf einen Ort bezogen. Hier wird von Material, von Gestaltung, von Form und Konstruktion ausgegangen. Der Mensch befindet sich im Raum oder Stadtraum. Dieser Raumbegriff konstituiert sich auf der Idee einer Einheit von Körper und Ort. Der traditionelle reale Raum ist körperbezogen und entspricht den Vorstellungen einer Hülle, einer dritten Haut neben der Kleidung. Der menschliche Körper ist sozusagen von geometrisch definierbaren Grenzen umgeben und wird von diesen auch geschützt. Diese Grenzen haben allerdings schon Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung von Medien wie Telegrafie und Telefon sowie von Transportmedien erste Risse erhalten. Mit der Zeichenreise, ermöglicht durch Kabel und elektromagnetische Wellen, wurde bereits eine entkörperlichte Raumerfahrung eingeleitet, die aber nach wie vor
eine körperbezogene Raumerfahrung in einer geometrisch definierbaren Hülle
voraussetzt.“1

In the Neighbourhood spielt mit der Medialität der subjektiven Raumerfahrung (Öffnung und Schließung/Nähe und Distanz), erotisiert diese durch Lichtgebung und Schattenwürfe und lädt so den anonymen Stadtraum mit Sinnlichkeit und Begehren auf. Mit dem französischen Philosophen Félix Guattari lässt sich in diesem Zusammenhang (auch und vor allem politisch) postulieren: „We should move desire on the side of infrastructure, on the side of production.“2 wird, wie Bades Malerei offenbart, die Hypermedialität der dargestellten Orte bzw. Kulissen keineswegs zurückgenommen oder gar aufgehoben; Natur und Natürlichkeit haben es hier schwer und bleiben im Dunkeln, sind jedoch nicht verschwunden (und an Rändern bzw. als Umrandung wahrnehmbar). Dieser Zyklus erweist sich zudem als eine ästhetische Erweiterung und auch subtile Kritik an Internetdiensten wie Googles Street View, in dem jegliche körperliche
Raumerfahrung und -orientierung suspendiert ist und demnach virtuell-abstrakt bleibt. Denise Parizek bemerkt dazu:

„Der Blick Bades Malerei zielt sicher auf eine andere tiefere Schicht als Googleshochentwickelte HD-Panoramakameras mit 3D-Mappingfunktion, sein Blick ist sicher kontemplativer aber auch genauer, was die Bedeutung der einzelnen Häuser als sozialen Ort, als Rückzugs- und Wohnort und der architektonischen Oberflächen als ästhetischer Manifestation dieses sozialen Aspektes, angeht. Oft zeigen die Häuser durch ihr Voninnenherausleuchten ein intimeres Gesicht und
regen zu Geschichten an...“

Eine tiefere Dimension, die zudem auf Intermedialität verweist, wird hier
gerade in den Balkonanordnungen ersichtlich: Serielle Ornamente, die
sich durchaus mit den winzigen Leiterverbindungen und auch Reliefs in
Computerchips analogisieren lassen. „Die flach anmutenden Muster auf den
Chips entsprechen dreidimensionalen Blöcken und setzen sich aus zehn bis
fünfzehn Schichten zusammen“, schreiben Ziegler und und Jacqueline Siemon in einem Ausstellungsprojekt über die Verdichtung von Räumen – High Density.

Diese Muster erinnern hier wie dort an einen labyrinthisch verschachtelten
Raum, der sich in Bades Ästhetik jedoch nicht im medialen Inneren, sondern auf der architektonischen Oberfläche bzw. Leinwand selbst (re-)produziert – als präziser Ausschnitt und in kubistischer Form.
Gleichwohl sind solche strukturellen Feinheiten in der Malerei Eberhard
Havekosts zu beobachten. Auch Havekost stilisiert Ausschnitte und Fragmente
anonymisierender Lebens- und Dingwelten, arbeitet im Produktionsprozess
mit Digitalkamera-Aufnahmen und generiert auf diese Weise großflächige
Bildmotive, in denen sich privater und öffentlicher Raum treffen bzw. mischen.

Sind bei Havekost oft gleißende Oberflächenreflexe und Bewegungsmomente
auffällig, erscheinen demgegenüber die Objekte in der Malerei Bades
unaufgeregter, sie ruhen in sich selbst und erzeugen eine faszinierende
Widerspenstigkeit und ein Eigenleben, das der (hyper-)medialen Subversion
Havekosts in nichts nachsteht. Wo Havekost dem Betrachter manchmal Einblick
in das chaotische Innenleben seiner Raumobjekte gewährt, bleibt eine derartige Sicht in den Bildern Bades verborgen. Ist dies die Angst vor der Leere des Raums, horror vacui, oder geht es in Bades Bildserie vielmehr darum, das (unlösbare) Geheimnis des Raums, auch das des Subjekts, zu wahren und konstruktiv weiterzugeben?                                                                                           


1

 Ute Ziegler mit Ingrid Buschmann, „Double Density. Einführung zu einem Ausstellungsprojekt über die Verdichtung von Räumen“ in: High Density, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Zusammenarbeit mit Freunde Guter Musik Berlin e.V. und Büro 213, NGBK (Hrsg.), Berlin 1999, S.10 f.

2

 Félix Guattari: Chaosophy. Texts and Interviews 1972-1977 [Semiotext(e)], edited by Sylvère Lotringer, translated by David L. Sweet, Jarred Becker and Taylor Adkins, Los Angeles 2009,


3

 U. Ziegler und Jacqueline Siemon: „RaumMuster – MusterRäume“ in: High Density, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Zusammenarbeit mit Freunde Guter Musik Berlin e.V. und Büro
213, NGBK (Hrsg.), Berlin 1999, S. 36.

Curriculum Vita

1965  im norddeutschen Bergen geboren und aufgewachsen

1987  Malereistudium an der Akademie der Bildenen Künste Wien    
in der Meisterschule von Prof. Arik Brauer

1992  Preisträger des Landes Niederösterrrech

1994  Preisträger des LenzingAG-Kunstwettbewerbs am Attersee

1995  Diplom

Selection of exhibitions since 2000

Auswahl der Ausstellungen (ab 2000) / Selection of Exhibitions

 

2014

'The Magic of the City' / 'Die Magie der Städte'  Group exhibition / Gruppenausstellung Wien

 

"maennerwelten - die andere Wahrheit '  Gruppenausstellung Kunstverein Burgwedel / Group exhibition 'men's world'

 

Nachtleben/Sillleben"  Solo Exhitbition / Einzelausstellung  Galerie Lehner, Wien

 

2013

"In the Neighbourhood" Solo Exhibition, Galerie Schleifmühlgasse 12-14, Vienna


2011 

"Night View" Solo Exhibition, Galerie Plattenpalast, Berlin


2009 

Buch ‚Purple’ (Paintings) together with fine artists and illustrators

 

Hekmag Magazin: Projekt ‚Yosemite National Park’ Painting
 

2008 

‚23’ - Postionen der Maleriei
with Olaf Hajek, Tina Berning, Andrea Ventura...
Berlin Galerie ‚Spandauer  Str.1’


2007 
‚Niveau Alarm’ Gruppenausstellung, curated by U.Wulff
Kunstraum Innsbruck
 

2005

„Ich“ Gruppenausstellung / Selbstportraits
Vienna Kunstraum Exnergasse
 

2005

Teilnehmer der Feria Arte Bologna im Pavillion Galerie Hilger
 

2004

Schau Schau’ Malerei und Fotografie, Hilger Contemporary Vienna


2003 

'wo steht der baum der uns trennte' - 5 Positions to Gender, offspace Vienna
Personale 'family pos(iton)ing', pogmahon.art.club, Vienna
"am Anfang?..." Künstlerhaus  Salzburg / exhbition of the year 2003 at Salzburger Kunstvereins

2002 


'Lieber neureich als nie reich" oder die Rückkehr der Chromleiste:
city.lights - Leuchtkörper / Installationen
Galerie 5020, Salzburg  (cooperation with Mona Hahn)
 'in.signio' pogmahon.art.club, Vienna
 

2001 

"That`s new" - Ausstellung in der IG Bildende Kunst  Vienna, curated by Denise Parizek
"Lichtecht" – Kunstschau am Viktor-Adler-Markt  Vienna, curated by Denise Parizek
"sohOttakring": Ausstellung in der "Malerkammer Veronikagasse" Vienna


2000
 
"Miniaturen",  curated by Hans Knoll & Denise Parizek, Galerie Kubus Hannover  Biennale
Personale im Rahmen von "zone 3" / Kulturaxe Vienna
Teilnehmer der "aperto" Vienna
Gruppenausstellung "sohOttakring": "friends"
gewagt?!- Kunst zwischen Erotik und Pornografie", bbk-Galerie Oldenburg"