Schleifmühlgasse 12-14 OUTSIDE

MODELL SEHNSUCHT /MODELL FOR DESIRE

Urban Farming Intervention im Öffentlichen Raum
contemporary art collective* Vienna

Mai - September 2013

                    

 

 

Schanigarten vor der Galerie wurde beim Magistrat angemeldet. Die Begrenzung des Schanigartens wird vom Künstler Tiberius Stanciu gestaltet.
Die Schleifmühlgasse ist einerseits der „hottest spot“ für zeitgenössische Kunst, andererseits eine Durchgangsstraße zwischen Naschmarkt und Wie- dener Hauptstraße und deren Haltestellen der öffentlichen Nahverkehrsmittel. Der Naschmarkt ist ursprünglich ein Viktualienmarkt gewesen. Er war und ist bis heute für die Nahversorgung verantwortlich. Er ist aber auch ein beliebter Treffpunkt bei Wienern und Touristen.
Die angrenzende Schleifmühlgasse gehörte ursprünglich einem Künstlerquartier an, im 18. Jahrhundert waren hier Ateliers der damaligen Wiener Kunstszene.
Tiberius Stanciu verknüpft die Einflüsse in dieser Straße miteinander und gestaltet eine künstlerische Intervention mit der Pflanzung von Mais.
Wie bereits bei seiner Aktion „Tomaten auf dem Garagendach“ verbindet Tiberius Stanciu die künstlerische Idee mit Fragen der Realwirtschaft, dem sozialen status quo der Gesellschaft und den Bereichen Urban/Guerilla Gardening.
In London, Zürich, Hamburg, Berlin u.a. gibt es seit Jahren Minigartenprojekte im Öffentlichen bzw. Halböffentlichen Raum. Die Stadt Wien/ Stadtgartenamt übergibt immer mehr Grünflächen in der Stadt bezüglich Bepflanzung und Pflege in die Hand privater Anrainer. Unter dem Titel „Selbstbestimmung/Selbsthilfe“ werden Projekte der Öffentlichen Hand ausgelagert und deren Bewirtschaftung an die Zivilgesellschaft weitergegeben. Anknüpfungspunkt der Idee stammt aus den Kindheitserinnerungen des aus Rumänien stammenden Künstlers, wo in Notzeiten die einzige Überlebenschance der Bevölkerung in geheimen Gärten auf Garagendächern und in Hinterhöfen gegeben war.
Wirtschaftskrisen, Lohndumping, soziale Ungerechtigkeiten, Existenzangst erzeugen in Menschen Ideenreichtum für Überlebensstrategien. Auf der anderen Seite ziehen sich die 10% der reichen Bevölkerung in ländliche Idyllen zurück, um vor dem immer größer werdenden Mob der Städte Schutz zu suchen. Diese sogenannten ländlichen Idyllen sind mittlerweile auch zersiedelt und in Flächen der Agrarindustrie verwandelt. Die Position der Kleinbauern als Landschaftspfleger ist obsolet geworden, mit dem Nachteil, dass traditionelle Landschaften nachhaltig verändert werden.
Zurück zur Natur Bewegungen a la Thoreau, Rousseau u.a. kommen wieder in Mode. Tiberius Stanciu stellt mit seinem Projekt dieses Thema zur Diskussion und wird mittels workshops, Gesprächsrunden und Performances die Pros und Contras sammeln und in einem Katalog die Ergebnisse darstellen.
Mitte September, anlässlich des Freihausviertel-Wochenendes, ist ein Erntedankfest und die Katalogpräsentation geplant.

Die Sehnsucht nach dem Lande kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte (Brecht)

Vierundzwanzig leere Kunstdüngersäcke werden mit Gartenerde befüllt. In jeden Sack wird ein Maiskorn gesät, aus dem sich eine Maispflanze entwi- ckelt. Diese ist nach zwei bis drei Monaten ausgewachsen und erreicht eine Höhe von ca. zwei Metern. Sechs Säcke mit Maispflanzen in einer Reihe nebeneinandergestellt und vier dieser Reihen hintereinander ergeben ein mobiles Maisfeld.
Diese Installation versinnbildlicht die Ambivalenz menschlicher Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Das undurchdringliche Dickicht des Urwalds verbunden mit der normierten Wiederholung einer industrialisierten Landwirtschaft. Die Mobilisierung der Landschaft als Antwort auf die (auto)mobile Suche nach einem persönlichen Stück Natur. Schani- und Guerillagärten, öffentliche Parkanlagen, botanische Gärten oder Kleingartenanlagen mit einem Wort, Naherholungsgebiete, erfüllen im „Öffentlichen Raum“ einen einzigen Zweck: Es sind Simulationen einer verloren geglaubten Ursprünglichkeit, die es in Wirklichkeit nie gab . Jeder so genannte Ursprung ist seine eigene Utopie. Der zur Naherholung bestimmte grüne Raum ist nur das Feigenblatt der Leistungsgesellschaft. Erholung ist niemals Selbstzweck, sie dient aus- schließlich der Leistungssteigerung.