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Vom Zustand der Wirklichkeit oder in der Tradition der malerischen Ergänzung

Zyklus Max Kübeck



Was verbindet den Palast des Indischen Maharadscha von Gondal und dessen blinde Spiegel aus dem 18. Jhdt. und einen blinden Spiegel im Waschraum des KZ in Theresienstadt, die Marmorböden Venezianischer Palazzi und den jüdischen Friedhof in Prag?

Max Kübeck hat auf seinen Reisen Blindspiegel, Marmorböden und  Grabsteine fotografiert und als Ausgangsbasis für seinen neuen Zyklus  „ Vom Zustand der Wirklichkeit oder in der Tradition der malerischen Ergänzung „ verwendet.
Die schwarzweiß Fotografien werden mit Temperafarbe überarbeitet, strukturiert, umgedeutet.

„Nur die tatsächlichen Fehlstellen sollten sorgfältigst ausgepunktet und ausgestopft werden, Kittung und Retusche müssen sich auf die Fehlstellungen beschränken, damit nichts vom Alten verdorben wird.“
So lauten Restaurierungsanweisungen, der technische  Ausgangspunkt der Bildbearbeitung bei Max Kübeck.
Der Künstler kontrapunktiert quasi diesen beruflichen Verhaltenskodex, er legt die Punktierungen und Schraffierungen über das Bild, lenkt nicht den Blick von Fehlstellen ab, zieht ihn vielmehr an, verleitet zu einer Fokussierung.
Eine Fehlstelle definiert sich als eine Abweichung oder ein Fehler an oder im Material, bei Gemälden ein Abblättern der Farbschichten.
Menschlich betrachtet sind Fehlstellen auch Falten und Furchen, Spuren hinterlassen von verrinnender Zeit.
Aus dem unmittelbaren Kontext genommen sind genau die Fehlstellen die Flächen, die uns Geheimnisse und Geschichten vermitteln, Fragen aufwerfen.
Vordergründig geht es nicht um das, was fehlt, sondern um das Warum? etwas fehlt.
Ein Spiegel gibt das Jetzt wieder, ein blinder Spiegel erzählt von Gestern und Heute, läßt auch über das Morgen sinnieren.
Ausgetretene Marmorböden, abgeschliffen von tausenden Fußtritten, in Schuhen und barfuß, berührt von unzähligen Menschen, gereinigt und verschmutzt, porös und abgewetzt, wie ein Grabstein, von Regen, Wind und Wetter bearbeitet, berührt und verwachsen, zeigen die Schichten der Zeit.
Der Betrachter der Arbeiten wird verführt, an der Wirklichkeit vorbeizusehen und sich zwischen den Tiefen des Bildes zu verlieren.
Das vermeintlich Fragmentarische, der vom Künstler gewählte Ausschnitt, wird durch das Hinzufügen einer neuen Ebene, verdichtet, in eine andere Dimension übergeleitet, das fotografierte Objekt in einen veränderten Zustand transferiert.
Durch die Übermalung wird der Ausgangspunkt uminterpretiert, und ist doch dann, sobald er fertig ist, schon wieder eine Geschichte von Gestern, die im Heute  einen Schleier tragt.
Wie wirklich die Wirklichkeit ist, konnten wir bei Paul Watzlawik nachlesen, was wir wirklich sehen, hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab.
Keiner der Rezipienten wird die selben Assoziationen zu den Arbeiten Kübecks haben, die Leseart obliegt dem Betrachter, Interpretationen sind keine Grenzen gesetzt.
Die einzelnen Arbeiten können solitär, aber auch modular präsentiert werden, eine neue Spielart Kübecks.
Mehrere Bilder zusammengestellt wie Module ergeben ein großes Ensemble, das die Schichten der Zeit und der Materialien wiederum ins Bildhafte übersetzt.
Der spielerisch interpretative Zugang wird bis zur Präsentation weitergezogen.
Ist es nun eine Ausstellung vom  Zustand der Wirklichkeit oder von der Tradition der malerischen Ergänzung?
Das liegt völlig in der Entscheidung des Betrachters.
dp, 2011

 

On the State of Reality, or, In the Tradition of the Painterly Addendum

Max Kübeck series, 2010




What links a blind 18th century mirror in the palace of the Indian Maharajah of Gondal with a blind mirror in a concentration camp lavatory in Theresienstadt? The marble floors of Venetian palaces and the Jewish cemetery in Prague?

In the course of his travels, Max Kübeck has photographed mirrors and floors and gravestones and now uses them as the basis for a new cycle of work, “On the State of Reality, or, In the Tradition of the Painterly Addendum”. His black and white photographs are retouched with tempera, given structure and visually reassessed.

“Blank spots – and nothing beyond these – should be meticulously covered with a matrix of points and thereby covered up; stabilization and retouching must be limited to such missing zones so that no original substance is corrupted.” This is the restorer’s creed, the technical jumping-off point for Kübeck’s treatment of these images. He has worked for many years as a professional paintings restorer.

The artist Kübeck plays counterpoint, so to speak, to this occupational code of ethics, spreading his dots and hatch-marks across the entire surface of the image: rather than drawing attention away from missing areas, he seeks to emphasize them, focuses on them. A ‘blank spot’ can be defined as an anomaly or a material defect; in the case of paintings, it usually refers to a flaking-off of paint layers. In human terms, blank spots may also be wrinkles and furrows – traces left behind by the passage of time.

Taken out of their immediate context, ‘blank spots’ are precisely those areas that tell stories and reveal secrets. They pose questions. Our fundamental concern, however, is not that something is missing, but why.

A mirror reflects the here and now; a blind mirror speaks as much of yesterday as today, allowing, too, for thoughts of tomorrow. Well-worn marble floors reveal such layers of time: worn down by thousands of shuffling feet (shod and unshod), touched by countless people, washed, and soiled again. Porous and scuffed, they are akin to weathered tombstones – often caressed by the human hand – their surfaces etched by the elements.

The viewer is invited to look past reality and to lose himself amidst the depths of the image.

What would seem fragmentary – a detail selected by the artist – is compressed through the addition of a new layer, brought over into another dimension; the photographed object is transferred into an altered state. Through this over-painting the starting point is reinterpreted; when this reassessment is complete, yesterday’s story appears in a veil fashioned by the present.

How ‘real’ reality is, what we ‘really’ see – these depend completely on the perspective of the viewer, as Paul Watzlawik has written. No two observers will be led to the same associations by Kübeck’s work. Its reading is incumbent entirely upon the viewer and there are no limits to the possible interpretations.

The works can be hung individually or grouped together, a new variation on Kübeck’s part. Works arranged together like modules create a large ensemble translating layers of time and material into imagery. The presentation is of a piece with Kübeck’s playful, interpretive approach.

Does this exhibition address the state of reality or the tradition of the painterly addendum? That lies completely in the eye of the beholder.


Denise Parizek/Translated by Michael Huey